Information zu wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirkung von grünem Tee

17.11.2009

Mit einem Schreiben vom 03.11.2009 an den Verein bat uns Herr Dr. Friedemann Paul (Leitung AG Klinische Neuroimmunologie von der Charite Berlin) folgende Stellungnahme an Interessierte weiterzuleiten:

„Grüner Tee ist eines der ältesten Getränke der Menschheit und wird täglich von Millionen Menschen weltweit konsumiert. In jüngster Zeit werden mögliche medizinische Wirkungen des Grünen Tees und einzelner seiner Inhaltsstoffe zunehmend intensiv erforscht. So ist mittlerweile bekannt, dass das sogenannte Epigallocatechin-Gallat (EGCG), eine der biologisch aktivsten Substanzen im Grünen Tee, günstige Wirkungen auf das Immunsystem und den Kreislauf hat sowie Krebszellen bekämpfen und Nervenzellen schützen kann. Die Charite ist im deutschsprachigen Raum führend, was die Forschung auf diesem Gebiet angeht. Mehrere klinische Studien zur Gefäßfunktion, zur Multiplen Sklerose und zum Metabolischen Syndrom wurden und werden durchgeführt. Weitere Studien sind in Vorbereitung bzw. beginnen derzeit u.a. zur Alzheimer-Demenz und zur Muskeldystrophie vom Typ Duchenne. Diese Studien sind von den Wissenschaftlern selbst initiiert und daher in ihren Aussagen wissenschaftlich unabhängig, u.a. auch von (finanziellen) Interessen der pharmazeutischen Industrie.

Auf Initiative von Wissenschaftlern des Clinical Research Centers (NCRC) des Excellenzclusters NeuroCure und der medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Kardiologie und Angiologie an der Charité treffen sich seit einem Jahr regelmäßig deutschsprachige Wissenschaftler und Ärzte, die zu medizinischen Wirkungen des Grünen Tees und seiner Inhaltsstoffe forschen. Die Teilnehmer sind in den verschiedensten Forschungsbereichen tätig, so u.a. in der Neurologie, Nephrologie, Onkologie, Gastroenterologie, Genetik, Pädiatrie, Kardiologie, Epidemiologie und Ernährungswissenschaften. Auch in diesen Zentren und Kliniken laufen Studien zu Grünem Tee und dessen Wirkungen auf eine Vielzahl von klinischen Indikationen bzw. sind dort in Vorbereitung. Ziel dieser Treffen ist es, Erfahrungen auszutauschen und zukünftige Forschungsaktivitäten zum Grünen Tee besser zu vernetzen und zu koordinieren. Die meisten der oben genannten klinischen Studien stehen erst am Anfang oder befinden sich noch in der Planungsphase. Vor 2011 ist daher nicht mit Ergebnissen zu rechnen.

Ein wichtiges Thema spielt dabei der Umgang mit Probanden- bzw. Patientenfragen rund um das Thema Grüner Tee, die uns in unserem Alltag regelmäßig erreichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass Patienten entsprechend dem neuesten Stand der Wissenschaft über Sicherheit, Verträglichkeit und Wirksamkeit von Grünem Tee und Tee-Extrakten informiert werden. Weiterhin geht es uns darum, über die Risiken und Probleme, die entstehen können, wenn sich Patienten privat Grüntee-Präparate beschaffen, aufzuklären. Dabei geht es auch um eine rechtliche Absicherung der Beantwortung von Patientenanfragen. Da gesicherte Erkenntnisse über Verträglichkeit und Wirksamkeit von Grüner-Tee-Präparaten im Rahmen von placebo-kontrollierten klinischen Studien in den unterschiedlichen klinischen Indikationen erst in einigen Jahren vorliegen werden, kann man zum derzeitigen Zeitpunkt keine sicheren Empfehlungen über Hersteller, Art, Dosen und Einnahmehäufigkeit von Tee-Extrakten oder isolierten Einzelsubstanzen geben.
Da die Forscher und Kliniker der oben genannten Einrichtungen immer wieder Anrufe und Anfragen von Patienten zu Einnahmeempfehlungen erreichen, möchten wir hiermit unsere aktuelle Sicht der Dinge mitteilen – mit der Bitte, diese an Patienten oder Angehörige, die sich an Sie wenden, weiterzuleiten.

Beim gegenwärtigen Stand der Forschung zu medizinischen (therapeutischen) Wirkungen von Grünem Tee und seinen Inhaltsstoffen muss dringend von einer unkontrollierten Selbstmedikation der Patienten mit frei verkäuflichen Grüner-Tee-Extrakten abgeraten werden – und zwar unabhängig von der Erkrankung, zumal in Patientengesprächen berichtet wurde, dass mitunter unverantwortlich hohe Dosen dieser Extrakte eingenommen wurden, die einem Vielfachen der vom Hersteller empfohlenen Tagesdosis entsprechen. Zu den im Handel oder über das Internet beziehbaren Präparaten gibt es keine gesicherten Erkenntnisse bzgl. ihrer Unbedenklichkeit (z. B. in toxikologischer Hinsicht). Es gibt keine Daten zu einer möglichen Dosis-Wirkungs-Beziehung. Das mögliche Nebenwirkungsprofil ist weitgehend unbekannt bzw. schlecht untersucht und die möglichen Interaktionen mit anderen von den Patienten eingenommenen Medikamenten sind unklar. Es hat in den vergangenen Jahren u.a. mehrere Berichte von Leberschäden bis hin zu fulminantem Leberversagen unter Einnahme von Grüner-Tee-Extrakten gegeben, v.a. bei Patienten mit Ko-Medikation. Zudem wurde beobachtet, dass Grüner-Tee-Extrakte die Wirksamkeit von anderen Medikamenten, z.B. bei der Chemotherapie, beeinträchtigen können. Zusammenfassend muss also von einer „over the counter“ Selbstmedikation der Betroffenen abgeraten werden. Derzeit sollten Grüner-Tee-Extrakte nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien eingenommen werden.“

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