Nervenzellen aus Bindegewebe erzeugt
29.01.2010
Umweg über Stammzellen nicht erforderlich: Wissenschaftlern der Stanford-Universität im kalifornischen Palo Alto ist es gelungen, aus Bindegewebszellen (Fibroblasten) von Mäusen direkt Nervenzellen (Neuronen) zu erzeugen.
Die Forschergruppe
um Markus Wernig und Thomas Vierbuchen vom Institut für Stammzellbiologie und
Regenerative Medizin kam dabei ganz ohne Stammzellen als „Umsteigebahnhof" aus,
wie die Wissenschaftler im Fachblatt „Nature" berichten.
„Wenn sich das bestätigt, ist es ein Supererfolg", urteilt der
Stammzellforscher Daniel Besser vom Max Delbrück Centrum (MDC) in Berlin-Buch.
Der jetzige Erfolg basiert auf dem Durchbruch des japanischen
Stammzellforschers Shinya Yamanaka. Er hatte als erster im August 2006 reife
Körperzellen mit Hilfe verschiedener „Verjüngungsgene" in unspezialisierte
Multitalente (induzierte pluripotente Stammzellen, iPS) zurückverwandelt.
Aus den iPS, die vermutlich über die Fähigkeiten von embryonalen Stammzellen
verfügen, ohne jedoch wie sie ethische Bedenken hervorzurufen, lassen sich
inzwischen spezialisierte Zellen züchten. Sie gelten als Hoffnungsträger in der
Behandlung bisher unheilbarer Leiden. So ist es im letzten Jahr dem Team um
Rudolf Jänisch vom Whitehead-Institut in Massachusetts erstmals gelungen, aus
iPS Nervenzellen zu bilden, die Dopamin produzieren, einen Botenstoff, der
Parkinson-Patienten fehlt.
Um den Zellen von Gewebe aus dem Schwanz der Versuchstiere den Weg in die
gewünschte Entwicklungsrichtung anzugeben, schleusten Wernig und Vierbuchen in
der Petrischale Gene in sie ein. Diese Erbanlagen waren schon zuvor als
„Übersetzungshilfen" in Richtung Nervenzellen bekannt. Um die Gene in die
Zellen einzuschleusen, bedienten sich die Forscher weitgehend „entschärfter" Viren.
Diese schleusten die Erbanlagen in die Zellen ein, dienten als „Gen-Taxis".
Drei von 19 getesteten Genen reichten schließlich aus, um aus den
Mäuseschwanz-Fibroblasten im Reagenzglas auf dem direkten Weg Neuronen zu
erzeugen. Die Forscher bezeichnen diese Nervenzellen aus dem Labor in Analogie
zu den iPS als iN-Zellen (induzierte neuronale Zellen). Die aus
Bindegewebszellen erzeugten Nervenzellen waren in der Lage, sich in bestehende
neuronale Netzwerke einzufügen. Außerdem schafften sie es in Versuchen auch,
sich miteinander zu verknüpfen.
Die Verfasser der „Nature"-Studie heben als Pluspunkte der iN-Zellen hervor,
dass sie schnell und effizient gewonnen werden können. Für das neue umweglose
Verfahren spricht ihrer Ansicht nach auch, dass es die Chance auf weniger
riskante Therapien eröffnet. Denn Stammzellen tragen als Multitalente immer ein
gewisses Risiko in sich, eine Fehlentwicklung zur Tumorzelle durchzumachen.
Solange die entscheidenden Übersetzungsgene mit Virenfähren in die Zelle
geschleust werden müssen, ist die Krebsgefahr allerdings nicht gebannt.
Noch hat es mit dem direkten Weg von der Haut- zur Hirnzelle zudem nur bei
Mäusen geklappt. Nun müssen Studien folgen, in denen menschliche iN-Zellen
gewonnen werden. Eine weitere Herausforderung wird sein, aus Bindegewebszellen
gezielt Nervenzellen mit verschiedenen Spezialisierungen zu erzeugen. „Und es
wäre wunderbar, wenn wir auf diesem Weg in absehbarer Zeit auch andere Zellen
gewinnen könnten, zum Beispiel für Leber oder Bauchspeicheldrüse", sagt Besser.
Adelheid Müller-Lissner
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.01.2010)
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